Lammkoteletts ohne Datenschutz.

31/05/2018

Am vergangenen Samstag habe ich, wie häufig am Samstagvormittag, den Bio-Metzger meines Vertrauens aufgesucht. Wie immer war das Geschäft so überfüllt, dass ich gerade eben die Ladentür hinter mir lassen konnte. Drinnen wurden mit kraftvollen Schlägen Knochen gespalten, unter dem feinem Sirren der Schneidemaschine Wurst geschnitten und wie in einer englischen Bingohalle Zahlen über die Theke hin und her geschleudert: 150! 154? 70! 93? 2, also 1 Paar. Ansonsten war es ruhig, niemand engagierte sich in einem Dialog mit dem Nachbargenießer.

 

 Foto: Dagmar Dobrofsky

 

Bis, überraschend für mich, die freundliche Wurstfachkraft Frau Luise Rohner, so ihr Namensschild am blutverschmierten Kittel, meiner ansichtig wurde und sofort laut und quer durch das übervolle Geschäft brüllte „Hallo Herr Neuser, Ihre 20 Lammkoteletts und die drei Sucuk liegen schon bereit, Sie können gleich an die Kasse gehen. Funktioniert eigentlich Ihre EC-Karte wieder? Das war ja was, letzte Woche.“ Ich spürte mein Gesicht rosig werden und habe insgeheim schon mit der Nachfrage gerechnet, ob mit meiner Galle wieder alles okay ist und ich schon wieder Strohwitwer bin. Beide Chancen ließ sie sich entgehen. Trotzdem hatte ich sofort die strenge DSGVO im Kopf: Mit den Informationen über mich und meinen Wohnort, meine EC-Karte, meinen Ehestand, meine Gesundheit und die Quantität und Qualität meiner orientalischen Rezeptvorlieben hätte ein smarter Algorithmus die volle Schnüffelprämie kassiert. Gerne hätte ich Frau Luise Rohner beim Reden über den Mund gewischt, um sie so zum Schweigen zu bringen und dann in ihrer CPU meinen Einkaufsverlauf der letzten Wochen gelöscht. Aber dann dachte ich daran, dass die umstehenden, schmunzelnden Wurst- und Fleisch-Liebhaber nun endlich etwas zu besprechen haben und fand es nicht mehr ganz so schlimm, dass ich entlarvt worden war. Immerhin würden sie mich in der Konsequenz ihre Gesprächs nicht mit Waschkörben voller Werbung traktieren, das SEK alarmieren oder meine Identität in dunkle Ecken des Netzes verkaufen. Ich zog dann sogar die Kaputze meines Hoodies aus dem Gesicht. 

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