Solo für Fortgeschrittene. Der Kulturnomade zieht weiter.

Auch wenn sich der Kulturnomade auf der Seidenstraße (Bericht folgt) den Fuß gebrochen hat, humpelt er unbeirrt, wenn auch mit deutlich reduziertem Tempo durch das kulturelle Zeitgeschehen. Die ersten zaghaften Schritte im Juni gingen ins Theater (großartiges Gastspiel aus Georgien im DT), ins Kino zu (Han) Solo (ein popkulturelles Muss) und schließlich in die Komische Oper zur - sehr zurecht - gefeierten “Semele” von Intendant Barrie Kosky und Star-Sopran Nicole Chevalier, aber auch ganz vielen anderen tollen Sängern. Aber der Reihe nach - nicht dass der Kulturnomade schon wieder stolpert.

Prometheus, der “Vorausdenkende”, brachte bekanntlich den Menschen das Feuer - und wurde dafür vom Gottvater Zeus gefesselt und an den Kazbegi genagelt, wo fortan ein Adler von seiner, sich danach stets erneuernden, Leber fraß. Der kaukasische Gebirgszug befindet ich übrigens unweit der russischen Grenze, und so ist es gleich doppelt passend, dass das Royal District Theatre aus Tiflis seine jüngste Produktion “Prometheus. 25 Jahre Unabhängigkeit” genannt hat. In jedem Fall war das im Deutschen Theater gastierende Stück der jungen Truppe um den Regisseur Data Tavadze und den Autor und Dramaturgen Davit Gabunia eine sehr intensive, sehr gute Auseinandersetzung mit 25 Jahren Unabhängigkeit - ganz offenbar kein Grund für nationalistische Jubelstürme. Eben eher wie Prometheus. Schließlich brachte das Feuer ja auch nicht nur Segen, den Menschen nicht und schon gar nicht Prometheus, der erst von Heikles (der den Adler abschoss) Erlösung fand. Übrigens: wer sich das alles mal in echt anschauen möchte: Direkt gegenüber des Kazbegi ist ein mittlerweile zum schicken Designhotel aufgemotztes ehemaliges sowjetisches  Aparatischnik-Hotel, auf dessen Terrasse sich - mit dem richtigen Getränk in der Hand - bestens über alles sinnieren lässt. Vielleicht nach einem Besuch des Royal District Theatres in Tiflis? (Deutsches Theater, 1.6.)

 

Nicht ganz so intensiv, sondern vielmehr mit genau der richtigen Mischung aus Geschwindigkeit, Witz, Charakter - und Geschichtsentwicklung ging es in “Solo” zu, dem jüngsten Prequel der Star Wars Saga (2.6.), das die Geschichte des jungen Harrison Ford, äh Han Solo samt zugehörigem Millenium Falcon, erzählt. Der Film schließt elegant die (immer weniger werdenden) Lücken der Weltraumsaga und löst ebenso geschmeidig Fragen, die die Popkultur schon länger beschäftigen (Stichwort: “She did the Kessel-Run in less than 20 parsecs”) - und zelebriert das “Laßt-mich-mal-machen-das-wird-schon-gut-gehen-ich-habe-ein-gutes-Gefühl” (in diesem Fall nicht nur männliche) Draufgängertum, dem der (auch chronologisch) letzte Film dann sehr überzeugt den gar ausgemacht hat, bzw. wird (allen, die jetzt vollends verwirrt sind sei diese praktische Übersicht empfohlen: http://www.digitalspy.com/movies/star-wars/feature/a825727/star-wars-timeline-chronology-phantom-menace-to-last-jedi/).

 

So. Nun aber zur Hochkultur. Und was für einer. Haydns “Semele” in der Komischen Oper (3.6.), inszeniert vom Chef des Hauses, Barrie Kosky, selbst. Und der - findet der Kulturnomade - macht einfach keine schlechten Inszenierungen. So auch diesmal. Obwohl die Geschichte gleich zu Anfang, quasi Star Wars-mäßig, per Schriftband erzählt wird und das Ganze auch satte 3,5 Stunden (inkl. Pause) dauert, klebt man - auch ohne gebrochenen Fuss - von Anfang bis Ende in seinem Sitz. Was natürlich auch das Verdienst der phantastischen Sänger ist, angeführt von Star-Sopran Nicole Chevalier. Aber eben auch von Kosky, der die Geschichte der unmöglichen Liebe zwischen Zeus (schon wieder!) und Königstochter, die aber immerhin Diyonysos hervorbringt, toll erzählt. Und daran, dass das Ganze keine (typische) Haydn-Oper - mit viel Deklamieren -, sondern ein Oratorium, mit einer sehr großen Rolle für den Chor ist. Hingehen. Mit oder ohne Krücken!

 

 

„Kulturnomade“ Philip Hiersemenzel wird von seiner Frau zu allerlei Kunst, Kino und Kulturveranstaltungen geschleppt. Da er aber eigentlich Autor ist, führt er seit März regelmäßig hierüber Buch. Oder probiert es zumindest. Denn neben der Seidenstraße gibt es auch noch allerhand aus Belgien, Andalusien und natürlich Berlin zu erzählen. Hoffentlich bald.

 

 

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