Es ist ein Schnitter, der heißt Tod.

03/04/2019

Schon im Mittelalter hat man ihn besungen: die Überschrift zitiert die erste Zeile des  berühmten, mittelalterlichen Gedichts ‚Des Knaben Wunderhorn‘. (Wer beim Wort ‚Wunderhorn‘ still vor sich hin grinst oder/und sanft errötet: darum geht es nicht.) Ein paar Dutzend Strophen weisen in Reimform darauf hin, dass Blumen aller Art und Pracht im Laufe der Zeit blühen und verwelken. 

 

 Foto: unsplash | Mathew Macquarrie 

 

Seit der Erfindung des Internet aber hat der Tod seinen Grusel ein wenig verloren, denn insbesondere die Digital Natives führen ein fröhliches, buntes, rauschhaftes Leben zwischen den Abenteuern kleiner Katzen, gelungenen Pranks und schwerst bearbeiteten Selbstporträts. Nur wir Ältere verstreuen noch gelegentlich Schluchz-Smileys und RIPs für die vom Schnitter geholten Helden und Heldinnen unserer Jugend. Doch nun hat der Gevatter Tod auch die ewige Jugend zwischen Anti-Falten-Filter und Kindervokabular aufgestört. Der Schnitter hat einen endgültigen Schnitt gemacht: bei Mr Pokee, einem der Großverdiener der Influencer Szene. Einem possierlichen Igel mit Hunderttausenden Followern. Als er sich noch fröhlich auf dem Rücken liegend präsentierte, alle Viere von sich und gelegentlich seine Zunge raus gestreckt, verkaufte sich alles, was auch nur in seiner Nähe lag. Vor allem natürlich Süßes. Das tut es auch nach seinem Tod noch, denn in seinem Vermächtnis, einer großen Menge sehr romantischer Blumenbilder (sic!) sieht Mr Pokee so vital aus wie eh und je. 

 

Stellt sich die Frage: haben wir das ewige Leben gefunden, als Präsenz in den Sozialen Medien? In dieser Hinsicht sehr aufschlussreich ist ein aktuelles Gerichtsurteil. Eltern eines verstorbenen Digital Natives haben gegen Facebook geklagt, weil sie den Account des Sohnes löschen wollten, aber das Passwort nicht kannten. Und ohne Passwort kein Löschen,befand Facebook. So wäre der Junge bis in alle Ewigkeit auf seiner Seite präsent geblieben - wenn Facebook den Prozess nicht verloren hätte. 

 

Was uns zur letzten Zeile des morbiden Gedichts führt: So werd ich versetzet in den Himmlischen Garten auf den alle wir warten.

 

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